Sozialstruktur der Bundesrepublik seit 1945 - Lernmaterialien

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Zusammenfassung Geißler, Rainer: Die Sozialstruktur Deutschlands, Opladen 1996

Definitionen:
Renate Mayntz: Die Sozialstruktur bezeichnet den durch das Netzwerk der Beziehungen zwischen den sozialen Elementen vermittelten bzw. bewirkten Zusammenhang des gesellschaftlichen Ganzen

Friedrich Fürstenberg: Der erkennbare, relativ kontinuierliche soziale Wirkungszusammenhang in der Gesellschaft ist ihre Sozialstruktur

Bernhard Schäfers: Sozialstruktur als die Gesamtheit der relativ dauerhaften Grundlagen und Wirkungszusammenhänge sozialer Beziehungen und der sozialen Gebilde

Rainer Geißler: Auf einer abstrakt-formalen Ebene umfaßt die Sozialstruktur die Wirkungszusammenhänge in einer mehrdimensionalen Gliederung der Gesamtgesellschaft in unterschiedliche Gruppen nach wichtigen sozial relevanten Merkmalen sowie den relativ dauerhaften sozialen Beziehungen dieser Gruppen untereinander.

Die Entwicklung der materiellen Lebensbedingungen
  • Wohlstandsexplosion: Das Wirtschaftswunder nach dem 2. Weltkrieg ließ Einkommen, Vermögen und Lebensstandard steil in die Höhe schnellen. Das Volkseinkommen pro Kopf stieg zwischen 1950 und 1989 real um mehr als das vierfache an.
  • Wohlstandsschere: zwischen Arm und Reich bleibt die ungeleiche Verteilung stabil. Geringfügige Veränderungen gehen in Richtung Umverteilung von Oben nach unten. 1950 verdiente das obere Fünftel noch das 8,4-fache des unteren Fünftels. 1988 war der Abstand auf das 5,4-fache geschrumpft.
  • Vermögensunterschiede: Die Vermögensunterschiede sind in Westdeutschland erheblich krasser ausgeprägt als die Einkommensunterschiede.1983 hatte das reichste Zehntel fast die Hälfte des Westdeutschen Vermögens in Besitz, während das ärmste Viertel mit einer Minusbilanz da stand - die Schulden waren höher als die Vermögen.
Klassen und Schichten

Zur Analyse sozialer Ungeleichheit hat die Soziologie 2 zentrale Konzepte entwickelt: den älteren Begriff der Klasse und den jüngeren der Schicht.
Als gemeinsamer Kern aller Klassen- und vieler Schichtbegriffe lassen sich drei Vorstellungen festhalten Die Vorstellung der Klassen- bzw. Soziallagen: eine Bevölkerung läßt sich in verschiedene Gruppen untergliedern, die sich in jeweils ähnlichen Klassenlagen bzw. Soziallagen befinden. Vorstellung von klassen- bzw. schichttypischen Prägungen Klassen- schichttypischen Lebenschancen

Klassenanalysen unterscheiden sich in vier Punkten von Schichtanalysen
  • Ökonomische Orientierung
  • Konflikt- und Machtorientierung
  • Historische Orientierunmg
  • Theoretische Orientierung
Vier wichtige Konzepte und Kontroversen im Streit um die Sozialstruktur der deutschen Gesellschaft
  • Das Konzept der Klassengesellschaft im Schmelztiegel
  • Das Konzept der nivellierten Mittelstandsgesellschaft
  • Klassengesellschaft versus soziale Schichtung
  • Fortdauer oder Auflösung der Klassen und Schichten?
Soziale Lagen und "soziale Milieus"
Zwei neuere Versuche, die komplexe Sozialstruktur der alten BRD gesamthaft auf empirischer Grundlage zu erfassen
Modell der sozialen Lagen: untergliedert die erwachsene Bevölkerung nach sozial bedeutsamen Merkmalen in verschiedene "soziale Lagen" und untersucht, welche materielle Ressourcen und welche Lebenszufriedenheit an die verschiedenen Soziallagen geknüpft sind.
Modell der "sozialen Milieus": die Bevölkerung wird nach verschiedenen Wertorientierungen und Lebensstilen, den sogenannten "sozialen Milieus" untergliedert, und fragt danach, in welchen Schichten diese "Milieus" auftauchen.

Modelle sozialer Schichtung
In Schichtmodellen wird versucht, die Gesamtbevölkerung so zu gliedern, daß Gruppierungen mit ähnlicher Soziallage und damit verknüpften typischenSubkulturen und Lebenschancen entstehen (bspw. Haus-Modell von Dahrendorf).

Eliten

Definition:
Endruweit: Zur Elite gehören alle Mitglieder eines sozialen Systems, die aus einem Selektionsprozeß als den übrigen Mitgliedern überlegen hervorgehen.

Viele Mitglieder von Teileliten überstanden den Wechsel nach dem Untergang der NS-Diktatur verhältnismäßig gut.

Die westdeutsche Elite ist weder eine in sich geschlossene Kaste noch ein repräsentatives Spiegelbild der Bevölkerung. Es dominiert die obere Mittelschicht bzw. Oberschicht.
Der Aufstieg in der Hierarchie des Macht- und Herrschaftsgefüges wird durch das Gesetz der zunahmenden sozialen Selektivität (- oder auch: Gesetz der zunehmenden Dominanz der oberen Schichten-) geregelt, das man wie folgt formulieren kann: je näher eine politische Führungsposition dem Entscheidungszentrum steht, umso besser kommen die oberen Schichten zum Zuge. Für Frauen ist der Aufstieg in die Machteliten noch schwieriger als für die Kinder aus unteren Schichten.
Der Weg in die Eliten führt in der Regel über das Abitur und meistens auch noch über die Universität. Macht ist in der Bundesrepublik auf verschiedene Funktionseliten verteilt, die jedoch mit unterschiedlichem Gewicht an den wichtigen Entscheidungen teilnehmen. Auffällig ist die Dominanz der politischen Eliten. Großen Einfluß üben auch die Wirtschaftseliten aus.

Nach dem Mauerfall kam es in den neuen Ländern zu einem Elitenwandel: Transformation einer monopolistischen in eine pluralistische Elite bei einem gleichzeitigen relativ radikalen Elitenaustausch.

Selbständige, bürgerlicher Mittelstand, Bauern

Selbständige sind Schichtungssoziologisch eine sehr heterogene Gruppe, hier verbirgt sich eine große Bandbreite von Tätigkeiten, Marktsituationen, Einkommenschancen usw.
Die Menge der Selbständigen schrumpfte in 2 Schüben: während der Industrialisierung im Kaiserreich und in den 50er und 60er Jahren; sie bilden knapp 10% der Erwerbstätigen.

Funktionen, Soziallage und Mentalität
  • Fast zwei Drittel aller Arbeitnehmer außerhalb der landwirtschaft arbeiten in kleinen Unternehmen (bis 49 Beschäftigte)
  • Rasche Anpassungsfähigkeit an den Markt
  • Hohes Innovationspotential
  • Kleiner Betriebseinheiten arbeiten in einigen Bereichen effizienter als Großunternehmen
  • Positive beschäftigungspolitische Effekte durch die Gründung neuer Unternehmen
Zur Soziallage und Mentalität der Selbständigen sechs Punkte
  • Hohes Maß an Autonomie im Arbeitsleben
  • Hohe Einkommen
  • Heterogenität der Soziallagen
  • Hohe Fluktuation
  • Hohe Leistungsbereitschaft
  • Flexibilität, Risikobereitschaft, Experimentierfreude
Bauern
Seit 1950 verdoppelte sich der Ertrag pro Hektar, gleichzeitig ging die Zahl der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft von 5 Millionen auf ca. 1,4 Millionen im Jahr 1993 zurück. Nur die Hälfte arbeitet jedoch in Haupterwerbsbetrieben. Die Zahl der Vollbeschäftigten war 1995 auf 323 000 zusammengeschrumpft.

Dienstleistungsschichten und industrielle Dienstleistungsgesellschaft

Einteilung der Produktionsstruktur in drei Sektoren (nach Colin Clark)
  • primärer Sektor (Produktgewinnung): Land- und Forstwirtschaft, Fischerei
  • sekundärer Sektor (Produktverarbeitung): Industrie und Handwerk, einschl. Bergbau und Baugewerbe
  • tertiärer Sektor (Dienstleistungen): Handel, Verkehr, Kommunikation, Verwaltung, Bildung, Wissenschaft, Sozial- und Gesundheitswesen
Von der Produktionsstruktur her hat sich die BRD in den 70er Jahren von einer Industriegesellschaft in eine Dienstleistungsgesellschaft verwandelt.
Zwei Ursachen:
  • Die ungeheuren Produktivitätsfortschritte setzen Arbeitskräfte freidie in den Dienstleistungsbereich verlagert werden.
  • Mit wachsender Komplexität der ökonomische uns sozialen System steigt ihr Regelungs-, Vermittlungs- und Steuerungsbedarf.
Angestellte
Die zahlenmäßig bedeutenste Gruppe in der Mitte der Gesellschaft ist die der Angestellten. Sind Angestellte angesichts der Vielfalt ihrer Funktionen, Qualifikationen und Arbeitssituationen überhaupt sinnvoll als Schicht zu begreifen?
Der statusmäßig untere Teil der Dienstleistungsberufe soll ausführende Dienstleistungsschicht genanntw werden. Etwa zwei drittel der Angestellten und die große Mehrheit der Beamten nennt Geißler Dienstleistungsmittelschicht.
Mittlere und leitende Angestellte leisten eine anspruchsvollere Arbeit, sie setzt höhere Qualifikationen voraus und wird mit einem höheren Verdienst und mit höherem Ansehen belohnt.
Mittlere und höhere Beamte - aufgrund des Funktionswandels bzw. der Funktionserweiterung des Staates stieg die Anzahl der AStaatsdiener von rund 800 000 im Jahr 1950 auf über 2 Millionen im Jahr 1993 an.

Arbeiterschichten

Ein markanter Zug ist ihr kollektiver sozialer Aufsteig - ihre Entproletarisierung, begleitet von einer Entproletarisierung wichtiger Elemente wie Lebensstil und Arbeiterkultur.
Die Arbeiterklasse ist jedoch keine homogene Klasse, sonderen eine vielfältig differenzierte Gruppe. Es existiert die Arbeiterelite (bessere Qualifikation, höheres Einkommen, sicherere Arbeitsplätze, ähnelt stärker den Dienstleistungsmittelschichten) einerseits und die Un- und Angelernten andererseits.

Deutsche Randschichten: Arme - Obdachlose - Langzeitarbeitslose

Was ist Armut?
Armut ist in der BRD keine absolute, sondern eine relative Armut; die Armutsgrenze wird nicht durch ein physisches, sondern durch ein soziokulturelles Existenzminimum markiert
Armut wird als interkulturell und historisch relative Erscheinung begriffen - was Armut ist variiert interkulturell von gesellschaft zu Gesellschaft und historisch von zeitabschnitt zu Zeitabschnitt. Armut ist mehrdimensional: sie ist nicht nur ökonomisch-matrielles, sondern gleichzeitig auch ein soziales, kulturelles und psychisches Phänomen.

Zwei in der Armutsforschung gebräuchliche Arten der Messung:
1. die "bekämpfte" und "verdeckte" Armutnach der "offiziellen" Armutsgrenze des Bundessozialhilfegesetzes
2. verschiedene Varianten der relativen Armut, wobei verschiedene Armutsgrenzen nach dem relativen Abstand zum Durchschnittseinkommen von Haushalten mit gleicher personenzahl gezogen werden (60% - 40%-Grenze). Der Mindestbedarf, der durch die Sozialhilfe garantiert wird liegt etwas über der 40%-Grenze (Im Jahr 1988 769 DM pro Monat und Person -> 43%, der Summe, die einem Durchschnittshaushalt zur Verfügung standen) 1992 mußten 4,5% der Bevölkerung oder 2,9 Millionen mit maximal 40% des Durchschnitteinkommens auskommen.

Moderne Armut ist nicht mehr Altersarmut oder Frauenarmut. Zu den Gruppen mit dem höchsten Armutsrisiko gehören die Alleinerziehenden. Auch Kinderreichtum führt häufig zu einer sozialen Deklassierung. Kinder und Jugendliche geraten überdurchschnittlich häufig in Not. Arbeitslose sind eine Riskikogruppe, deren Umfang in den 80er jahren erheblich zugenommen hat. Immer häufiger reicht die Arbeitslosenunterstützung nicht aaus, um das soziokulturelle Existenzminimum zu sichern. Auch unter Ausländern ist Armut weit verbreitet.

Der Abstand im Lebensstand zwischen Armen und dem Durchschnitt, die sog. Armutskluft, wird kontinuierlich größer.

Von Wohnungsnot betroffen sind dieselben Gruppen, die bereits als Risikogruppen für Einkommensarmut bekannt sind: insbesondere kinderreiche Familien, alleinerziehende Mütter und Kinder und Jugendliche.

Langzeitarbeitslosigkeit
Kurzfristige Arbeitslosigkeit ist kein "Randgruppenschicksal" mehr, sondern eine Massenerfahrung. In den 80er jahren tauchten Langzeitarbeitslose als neue Randschicht auf. Betroffen sind 4 Risikogruppen: Niedrigqualifizierte, Frauen, Ältere und Menschen mit gesundheitlichen Problemen. Strukturelle Ursachen:
  • Demograph. Ursachenkomplex: in den 80er nahm die Zahl der Arbeitssuchenden stark zu, zusätzlich Einwanderungsschübe durch Ausländer, Aussiedler und Übersiedler aus Ostdeutschland.
  • Technolog. Ursachenkomplex: ständiger Rationalisierungsdruck -> Vernichtung von Arbeitsplätzen durch Automatisierung.
Langzeitarbeitslosigkeit hat häufig materielle Verarmung zur Folge; die materielle Not zwingt Langzeitarbeitslose, ihren Lebensstandard massiv einzuschränken.

Ethnische Minderheiten

Die ausländische Wohnbevölkerung erreichte 1994 6,78 Millionen, das sind 9,9% der westdeutschen Gesamtbevölkerung.
Die ethnischen Minderheiten verteilen sich nicht gleichmäßig über das Bundesgebiet, sondern konzentrieren sich auf Großstädte und industrielle Ballungszentren.
Die große Mehrheit der AusländerInnen ist in ihre Heimat zurückgekehrt: zwischen 1960 und 1994 zogen knapp 20 Mio Ausländer in die Bundesrepublik und gut 14 Mio haben sie wieder verlassen.

Die Soziallage der ethnischen Minderheiten weist starke Unterschiede nach Nationalitäten auf, es gibt aber auch gemeinsamkeiten. Gemeinsam ist allen der mindere Rechtsstatus, wobei Angehörige der Staaten der EU einige wichtige Vorzüge genießen.
Die Mehrheit der ethnischen Minderheiten ist weiterhin im untersten Teil der Schichtungshierarchie angesiedelt.

Lebenschancen:
  • Arbeit: AusländerInnen verrichten überproportional häufig belastende und gefährliche Arbeiten und sind stärker von Arbeitslosigkeit bedroht. Dennoch sind sie mit ihrer Arbeit nicht unzufriedener als Deutsche.
  • Einkommen: AusländerInnen erzielen in etwa die Einkommen wie Deutsche mit ähnlicher Qualifikation.
  • Wohnen: Die Wohnqualität hat sich im letzten jahrzehnt verbessert, allerdings wohnen Ausländer weiterhin sehr beengt und häufiger an Straßen oder in Stadtgebietenmit hohen Umwelt- und Verkehrsbelastungen.
  • Familie: Die Familiensituation hat sich durch die Familienzusammenführung nach 1973 deutlich verbessert.
  • Gesundheit: AusländerInnen sind höheren gesundheitlichen Riskiken als vergleichbare deutsche Bevölkerungsgruppen ausgesetzt - bedingt durch Belastungen am Arbeitsplatz aber auch spezifische Migrantenprobleme.
  • Soziale Mobilität: Hinweise auf berufliche Aufstiegsprozesse zw. 1984 und 1994
  • Bildungs- und Berufschancen der 2. Generation: Mit steigender Aufenthaltsdauer haben sich die Chancen der Ausländerkinder im deutschen Bildungsystem erheblich verbessert. Die hohen Barrieren beim Einstieg in die Berufsausbildung haben zur Folge, daß die benachteiligte Soziallage der Eltern bisher überwiegend an die 2. Generation weitergegeben wurde.
  • Vorurteile und soziale Kontakte: Seit den 80er jahren sind ausländerfeindliche Einstellungen wieder rückläufig.
  • Kriminalität: Die Kriminalitätsrate der ausländischen Arbeitnehmer und ihrer Familien ist niedriger als bei den Deutschen in vergleichbarer Soziallage.
Soziale Mobilität

Mit sozialer Mobilität ist der Wechsel von Personen zwischen sozialen Positionen gemeint, dazu gehört insbesondere der Wechsel zwischen Berufsgruppen oder Schichten.

Generationenmobilität: Schichtwechsel in der Generationenfolge von der Elterngeneration auf die Kindergeneration
Karrieremobilität: Schichtwechsel im Verlaufe einer individuellen Lebensgeschichte

Entwicklung der Generationenmobilität
Die Gesellschaft der BRD ist in den 60ern mobiler geworden
In den 60er und 70er Jahren sind insbesondere die Aufstiegschancen gestiegen, während die Bedrohung durch sozialen Absieg zurückgegangen ist
Die zurückgelegten Entfernungen "nach oben" sind in den 70er und 80er Jahren größer geworden.

Mit dem Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft schrumpfen die unteren Schichten der manuell Arbeitenden, gleichzeitig dehenen sich mittlere und obere Schicht im tertiären Sektor aus.
Eine Umschichtung nach oben.
Erleichtert wird der Schichtwechsel durch eine zweite Entwicklung: durch die zunehmende Dominanz der relativ offenen Bildungsschichten über die relativ geschlossenen Besitzschichten.

Bildungsexpansion und Wandel der Bildungschancen

Soziale Funktionen des Bildungssystems: soziale Plazierung, soziale Auslese und Chancengleichheit Über soziale Selektion und soziale Plazierung beeinflußt das Bildungssystem in hohem Maße die vertikale soziale Mobilität einer Gesellschaft.

Die Bildungsexpansion
  • Der Begriff Bildungsexpansion stammt aus der Bildungsforschung und bezeichnet den Ausbau der sekundären (Klassen 5-13, Berufsschulen) und tertiären Bereiche (Hoch- und Fachschulen) des Bildungswesens. Immer mehr Menschen erwerben mittlere bzw. höhere Bildungsabschlüsse; immer mehr Menschen verweilen immer länger im Bildungssystem.
  • Die Höherqualifizierung der Bevölkerung
  • Das Qualifikationsniveau der erwerbstätigen Bevölkerung ist in den letzten jahrzehnten stetig angestiegen - eine "Umschichtung nach oben"
  • Die Expansion im Bildungssystem
  • Die Bildungsökonomen hoben den Nutzen der Bildung für das Wirtschaftswachstum hervor (Bildung als Humankapital) und sozialliberale Bildungsforscher und -politiker die gesellschaftspolitische Bedeutung der Bildung (Bildung als Bürgerrecht).
Ursachen der Bildungsexpansion
  • Zunahmender struktureller Bedarf an Bildung (wachsende Komplexität)
  • Eigendynamik durch Statuskonkurrenz
Folgen für die Sozialstruktur
  • Demokratisierungsdruck
  • Indiviodualisierung
  • Pluralismus
  • Verringerung der sozialen Ungleichheit zwischen den Geschlechtern
  • Differenzierung der Formen des privaten Zusammenlebens
2 Paradoxa der Bildungsexpansion
Die Bildungsexpansion hat dazu geführt, daß höhere Bildungsabschlüsse immer mehr Voraussetzung, aber immer weniger Garantie für einen höheren Sozialstatus geworden sind.
Beim Wettlauf um die höheren Schulabschlüsse haben insbesondere die Kinder der gesellschaftlichen Mitte aufgeholt, die Arbeiterkinder, insbesondere die der Ungelernten, haben weiter an Boden verloren.. Die Bildungsexpansion verbessert also die Bildungschancen, verstärkt aber gleichzeitig die soziale Ungleichheit auf dem Weg zu den höheren Bildungsniveaus.

Die Entwicklung der sozialen Ungleichheit zwischen Frauen und Männern

Der Bildungsbereich ist derjenige gesellschaftliche Sektor, in dem sich geschlechtsspezifische Unterschiede am schnellsten und besten abbauen lassen.
Am schnellsten zogen die Mädchen mit den Jungen im allgemeinbildenden Schulwesen gleich.
Mädchen erzielten im Durchschnitt schon immer bessere Schulnoten und mußten seltener Klassen wegen unzureichender Leistung wiederholen. Inzwischen sind Mädchen bei mittleren und höheren Abschlüssen überrepräsentiert.

Junge Frauen erhalten schwerer eine Lehrstelle und werden schwerer übernommen.

In der Arbeistwelt sind Männerprivilegien resistenter als im Bildungssystem. Frauen werden häufiger als Männer unter ihrem Ausbildungsniveau eingesetzt. Zu den Nachteilen der Frauen im Arbeitsmarkt gehört auch das höhere Arbeitsplatzrisiko.

Karrierechancen: "Gesetz" der hierarchisch zunehmenden Männerdominanz: Je höher die Ebene der beruflichen Hierarchie, umso kleiner der Anteil der Frauen und umso ausgeprägter die Dominanz der Männer.

Die vielschichten Ursachen für die Aufsteigsbarrieren lassen sich in drei Komplexen bündeln:
  • patriarchalische Familienstrukturen
  • patriarchalische Strukturen in der Arbeitswelt
  • damit Zusammenhängend: geschlechtsspezifische Sozialisationsprozesse
Ungleichheiten in der Politik
Auch hier gilt: Je höher die Position, um so stärker die Dominanz der Männer

Ungleichheiten in der Familie
Veränderungen in der Verteilung der Familienarbeit sind eine entscheidende Voraussetzung für die Gleichstellung in Beruf und Politik. Die eingefahrene Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen in der Familie konnte bis dato nur geringfügig aufgelockert werden.

Familienformen im Wandel Der Wandel der Familie in den letzten Jahrzehnten führte zu einer Durchsetzung und Vorherrschaft der Kleinfamilie und einer verstärkten Pluralisierung der Privatheitsformen, d.h. ein Monopolverlust der bürgerlichen Normalfamilie.
Das Kleinfamilienmodell ist in seinem Monopolanspruch zwar relativiert, bleibt aber für die Mehrheit der deutschen Bevölkerung Fixpunkt und Leitbild familialer Orientierungen.

Struktur und Entwicklung der Bevölkerung

Unter Bevölkerung versteht man die Gesamtzahl der Einwohner innerhalb eines politisch abgrenzbaren Gebiets.

Hinter den Veränderungen der Bevölkerungszahl verbergen sich zwei Komplexe von Bedingungsfaktoren: die Wanderungen und die sog. "natürliche Bevölkerungsbewegung" (Geburtenzahlen, Sterblichkeit)

Die Bevölkerungsentwicklung in der BRD läßt sich in drei Phasen gliedern
  • Wachstumsphase 1945 - 1974
  • Stagnation 1975 - 1984/85
  • Zunahme seit 1986
  • seit 1989 im Westen Steigerung, im Osten Rückgang
Ursachen des Geburtenrückgangs
  • Funktions- und Strukturwandel in der Familie
  • Emanzipation und "Enthäuslichung" der Frau
  • Konsumdenken und anspruchsvoller Lebensstil
  • Scheu vor langfristigen Festlegungen
  • Emotionalisierte und verengte Paarbeziehungen
  • Zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz von Kinderlosigkeit
  • Gestiegene Ansprüche an die Elternrolle
  • Rationalisierung und Familienplanung
Wanderungen
Die BRD zählt seit ihrer Gründung zu den wichtigsten Zuwanderungsländern der Welt. Hier lösten Zuwanderungen ein starkes bevölkerungswachstum aus und stimulierten die wirtschaftliche und soziale Entwicklung.

Sechs sich teilweise überlagernde Wanderungsströme
  • 1944 - 1950 Aufnahme von Vertriebenen und Flüchtlingen aus dem ehemaligeen deutschen Osten
  • 1945 - 1961 Flüchtlinge und Übersiedler aus der DDR
  • Seit 1961 Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte
  • Seit der 2. Hälfte der 80er größere Zahl von Asylbewerbern
  • Seit 1987 Einwanderung von Spätaussiedlern
  • Seit 1988 Ausreisewelle aus der DDR, später Binnenwanderung
Prognose: Deutschland wird in der nächsten Zeit eine Zuwanderungsgesellschaft bleiben - mit einem leichten Bevölkerungswachstum und einer zunehmenden Vielfal ethnischer Minderheiten, deren Anteile an der Gesamtbevölkerung weiter ansteigen.